Er sitzt am späten Nachmittag auf der Terrasse vor dem Kaffeehaus, trinkt Aperol Spritz und beobachtet die anderen Menschen um ihn herum. Irgendwann entdeckt er eine allein sitzende Frau. Sie raucht. Sehr sympathisch, findet er. Sie trägt ein weißes, blau oder schwarz gepunktetes Kleid, das halblange dunkle Haar offen. Schmales Gesicht, schwarze Augen, geheimnisvoll. Er zündet sich eine Zigarette an, genießt unauffällig die anmutige Erscheinung der Unbekannten und denkt keine Sekunde daran, auf sich aufmerksam zu machen. Er wird den Aperol austrinken und den schon kalten Kaffee stehen lassen und dann irgendwo essen gehen.

Eigentlich würde er sich schon gerne mit ihr unterhalten, etwas über sie erfahren und über die Stadt. Und er würde auch von sich erzählen. Müssen. Oder etwas erfinden. Es könnte ein interessantes Gespräch werden, aber am Ende würde er doch aufstehen und sich empfehlen, ohne versucht zu haben, sie zum Essen auszuführen.

Er denkt an den Morgen im Hotel zurück. Er hatte schlecht geschlafen und der Lärm der Müllabfuhr ihn früh aus den Federn und unter die Dusche gejagt. Die Benommenheit der Nacht ließ sich nicht abwaschen. Beim Kaffee im noch leeren Frühstücksraum hatte er versucht, sich an seine Träume zu erinnern. Da musste irgendetwas passiert sein, das ihm das Herz schwer machte. Er grübelte und sah eine kurze Szene: Kathrin. Er hatte sie umarmen wollen, doch sie hatte sich seinen Armen entwunden. Er war wütend geworden, hatte geschimpft. Sie hatte ihn angesehen, den Kopf gesenkt, in ihren Augen war nicht mehr Liebe, sondern –

Nein. Mitleid? Nein. Doch.

Er hatte sie geliebt und fünf Jahre lang schlecht behandelt. Ungefähr alle vier Wochen Schluss gemacht. Nach dem Streit am Abend neben ihr wütend zu Bett gegangen und am nächsten Morgen mit bösen Worten auf der Zunge wieder aufgewacht. Irgendwann war es wirklich vorbei, sie war ihm beim Weglaufen verloren gegangen. Danach starb er jeden Tag zwei Mal, wenn er nachts die Augen schloss und wenn er sie morgens wieder aufmachte. Irgendwann wurde es besser.

Schließlich begriff er, dass es die Frau von damals nicht mehr gibt und ihn ja auch nicht mehr. Andere sind wir geworden, stellte er fest, als sie sich zufällig in einer Bar trafen und sich beim Auseinandergehen so inniglich küssten wie damals, als sie noch jung waren.

Er vertreibt die Gedanken aus seinem Kopf und winkt dem Kellner zum Zahlen, da stehen plötzlich zwei Frauen vor ihm und die eine fragt, ob sie sich vielleicht dazusetzen könnten, es sei doch nirgends mehr etwas frei. Natürlich, antwortet er. Der Kellner kommt, er bestellt einen Weißwein, anstatt zu bezahlen. Sie sind zu zweit, bestimmt Freundinnen, da kann gar nichts passieren.

Betrunken kommt er spätnachts zurück in das Hotel. Es ist noch ein sehr schöner Abend geworden. Sie hatten schnell angefangen, laut zu reden, derb zu scherzen und viel zu trinken. Und aßen, anstatt Dinieren zu gehen, Oliven und Fladenbrot, bis alle Gäste verschwunden waren und sie hinauskomplimentiert wurden und eine letzte Flasche auf den angeketteten Stühlen vor dem Kaffeehaus leerten. Sie haben sich, obwohl den ganzen Abend beim „Sie“ geblieben, bei der Verabschiedung abgebusselt. Ganz entzückend, das Ehepaar Vesely, denkt er bei der letzten Zigarette im Bett, wirklich.

(Nürnberg, 10. Juli 2021)