Bei den Eltern. Im September 2019

Ich hatte mich nach dem Essen hingelegt. Ich schlief ein und ärgerte mich, weil ich nicht einschlafen konnte. Ich hörte Schritte im Treppenaufgang. Das ist Mutter. Ich hebe den Kopf und sehe durch zwei Wände hindurch, wie sie in Vaters Zimmer seine Wäsche zusammenlegt. Ich stehe auf und gehe die Treppe herunter, setze mich auf den Absatz und will mir Schuhe anziehen, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, da klingelt es schrill. In Schuhen, die nicht gebunden sind, öffne ich die Türe. Draußen steht Vater, im Krankenhausleibchen, den Kopf geneigt, und er sagt langsam „Haaallo.“ Und grinst.

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Leerer Sessel. Im Dezember 2020

Im Wohnzimmer steht noch der Sessel. Er bleibt immer leer, niemand will in ihm sitzen. Früher saß hier der Vater und die Katze lag auf seinem Schoß und er streichelte sie, ganz behutsam und unermüdlich. Jetzt liegt die Katze immer auf Mutters Couch.

Ich bin alleine im Haus, gekommen, um Papierkram zu erledigen. Es ist gerade niemand da, außer der Katze. Ich lese Dokumente und fülle sie aus, aber am Esstisch im Wintergarten. Dann gehe ich doch ins halbdunkle, schweigende Wohnzimmer und sehe mich um. Und setze mich in den Sessel.

Die Katze sieht mich erschrocken an, kommt angerannt und hüpft auf meinen Schoß. Sie klettert unruhig auf meinen Schenkeln hin- und her, dreht sich herum, ihr Schwanz zuckt. Dann springt sie wieder herunter, setzt sich mitten ins Zimmer und starrt mich an.

Du müsstest reden, Katze, hörst du?

Sie hält den Kopf schräg, sagt nichts und guckt nur.

Na ja. Keiner redet. Geh Mäuse fangen oder Gras fressen, oder was du sonst so tust. Ich muss wieder los.

(Nürnberg, 7. September 2019, Weimar, 3. Dezember 2020)