Ich bin am Mittwoch zwei Tage früher als geplant mit dem Zug nach Weimar gefahren, weil am Donnerstag der sechstägige GDL-Streik beginnen würde und ich nicht in Nürnberg hängen bleiben wollte. Der kluge Mann fährt vor, vor allem, wenn er auf die Bahnstreiks 2021 abonniert ist, ich habe bisher alle drei mitgenommen. Und dabei gelernt, dass die Kollegen hinter den Fahrkartenschaltern anstands- und kostenlos alles umbuchen – während vor ihren Schaltern die wohlstandsverwahrlosten Stilzchen herumrumpeln. Schwierig wirds natürlich, wenn man seine Reisen nicht um die Streiktage herum schieben kann.

So war es bei mir beim Auftaktausstand der Saison vor vier Wochen (GDL – DB 1:0). Meine Fahrt von Erfurt nach Nürnberg war ausgefallen und ich bekam eine Platzkarte für einen Zug am Folgetag, der trotz Streik zuverlässig fahren sollte. Und das tat er auch! Rollte mit nur einer Stunde Verspätung und bumsvoll in den Bahnhof der Bratwurstmetropole. Auf dem Bahnsteig warteten Hunderte nervöse Passagiere, die sich misstrauisch beäugten und die Ellenbogen ausfuhren. Ein Dutzend Polizisten kam dazu. Die Wachtmeister sollten wohl für Ruhe und Ordnung beim Einsteigen sorgen, hatten aber Bammel vor den hysterischen Rollkofferkulis und bildeten erst mal einen Abwehrkreis.

Die Türen gingen auf, kaum einer stieg aus, aber alle wollten rein, drängten, schoben und schimpften. Irgendwann ging es nicht mehr weiter, die Passagiere standen in den Vorräumen eng an eng bis zu den Türen. Wollen die so losfahren? Ich lehnte unschlüssig an einem Pfosten und fragte mich, was ich tun soll. Mich durchquetschen und dabei rufen: Bilden Sie eine Gasse, ich habe reserviert!

Nein. Ich fürchtete, in der Blüte meiner mittleren Jahre auf den Geleisen einer Stadt erschlagen zu werden, in der nicht einmal ein depressiver Straßenköter tot überm Zaun hängen wollen würde. Also sah ich zu, wie die Zugbegleiter die letzten Wahnsinnigen in die Waggons drückten, um die Türen schließen zu können, während die Polizisten todesmutig ihre Schnürsenkel zählten. Der Zug fuhr ab und ich mit der nächsten Bimmelbahn zurück nach Weimar.

Geärgert? Habe ich mich nicht. Bahnstreikpöbeln ist so sinnlos wie Klagen übers Wetter und außerdem peinlich. Die GDLer zeigen nur der EVG, wo der Barthel das Moos holt und das freut mich mehr, als mich ständiges Umbuchen und Termineverschieben stört. Pflegende, Kassiererinnen und Paketboten sollten es ihnen gleichtun. Und das unvermeidliche Geschrei der arschverzuckerten Konsumbürger mit Backpfeifen beantworten.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein branchenübergreifender Bonzenstreik im Herbst. Das neue Bundeskabarett präsentiert uns nach der Wahl die Rechnung für Coronakrise und Klimaumbau, im Gegenzug verweigern alle „Dienstleister“ den Ministern und Konzernchefs die Arbeit: „Wir wischen euch mal eine Woche lang nicht den Arsch ab“. Wenn zum Beispiel Finanzminister Merz an der Imbissbude eine Bockwurst will, sagt Goran: „Nö! Bonzenstreik!“ Berlins Regierende Giffey schickt einen Abteilungsleiter in die Reinigung und der kommt ohne das blaue Kostüm wieder zurück. Ein Deutsche-Bank-Vorstand im Adlon: „Champagne please!“ – „Help yourself, motherfucker.“ Laschet zum Hausboten: „In was soll ich ihn reinstecken?“  – „In einen Briefkasten, Mann!“ Und so weiter.

Aber daraus wird wieder nichts. Irgendwann in den letzten 30 Jahren haben die Leute vergessen, was die Lokführer noch wissen. Dass du zusammenhalten und Ärger machen musst, wenn es etwas bringen soll, anstatt nur alle vier Jahre die Frage zu beantworten: Welches Schweinderl hätten`s denn gern?

Im Zug von Nürnberg nach Erfurt, 1. September 2021

(Foto: Hauptbahnhof Nürnberg am Mittwochmorgen, vor Warnstreik 3)