Neulich habe ich in der jungen Welt einen Spielbericht gelesen vom jüngsten 9:6-Aschenplatzsieg der jW-Auswahl gegen die taz. Mir drängten sich dabei verschwommene Bilder auf von einem merkwürdigen Match im Herbst 1992. Damals trat die Mannschaft von Jugendradio DT64 gegen die Kollegen von der taz an. Wir von DT sahen in dieser Zeit zunehmend resigniert der Abwicklung entgegen, während die Westberliner Zeitungsmacher mit der Kampagne „Keine taz mehr ohne mich!“ gegen den Bankrott ankämpften.

Unsere Elf – wir können nur elf gewesen sein, sonst hätte ich nicht mitspielen dürfen – reiste in mehreren Klapperkisten zum Spiel an. Die Profis unter uns brachten sich auf dem Weg von der Nalepastraße nach Kreuzberg mit Bier und Haschisch in Wettkampfform. Auf dem Platz wurden wir von den Gastgebern respektvoll begrüßt, in richtigen Trikots mit dem Aufdruck „schwarz auf weiß e.V“. Wir trugen bunt. Ich hatte ausgelatschte Turnschuhe an den Füßen und Goalkeeper Hamlet, unser britischer Musikredakteurspunk, Springerstiefel. Also, entweder er spielte in Springerstiefeln oder er trug Boxhandschuhe, ich bin mir nicht sicher, deshalb befrage ich dazu den damaligen DT-Redakteur André Bochow.

„Meinst du das Spiel gegen Elf99?“ Er weiß nicht mehr, ob er im Herbst `92 gegen die taz mitgespielt hat, aber er erinnert sich gut an das legendäre Aufeinandertreffen von DT64 und Elf99. Es war das Vorspiel zur Bundesliga-Partie Dresden gegen Bremen im Dynamo-Stadion im Oktober 1991, das mit einem 4:2-Sieg fürs Jugendradio endete. Alle vier Tore machte Hagen Bosdorf. André weiß auch noch, dass er zur Halbzeitpause grundlos gegen den Kollegen Andreas Ulrich ausgewechselt worden ist, und dass die Bremer Zuschauer brüllten „Wir ham Arbeit, ihr habt keine!“

Also Andreas Ulrich anrufen. Ich erreiche ihn im Wohnzimmersessel bei einer Tasse Tee. „Meinst du das Spiel gegen Elf99?“ Nein, `92 gegen die taz, und da fällt es ihm wieder ein. Es war auf der Baerwald-Sportanlage. Abends. Mit Flutlicht. Mein Bild wird klarer:

Das Match beginnt, noch läuft die letzte Tüte vom Aufwärmen durch unsere Reihen. Ich positioniere mich rechts vor dem Strafraum und stelle fest, dass dieser Fußballplatz verdammt groß ist, ich kann von hier aus kaum das gegnerische Tor sehen. In der ersten Viertelstunde habe ich zwei Wadenkrämpfe, aber auf meiner Seite kommt keiner durch. Ich sense um, was auf mich zuläuft, manchmal treffe ich dabei sogar den Ball. Meine Weitergaben eiern unkontrolliert ins Nirgendwo. Doch Wellenchefsekretär Boris von Wedel ist überall gleichzeitig, holt die Bälle und treibt unsere Elf nach vorne, während Andreas rennend und kickend eine astreine Livereportage über den Platz kommentiert.

Wir siegen trotz meiner tätlichen Mithilfe überraschend mit 2:1. Die ungläubigen Verlierer von der taz fragen nach einer Revanche und wir lehnen arrogant ab mit den Worten: „Euch gibt es doch eh bald nicht mehr.“ In der sicheren Gewissheit, dass unsere Party tatsächlich bald vorbei sein würde. Ein halbes Jahr später, am 1. Mai 1993, war es dann soweit.

(Weimar, 25. Oktober 2020)