Der Theaterleiter, Schauspieler, Provokateur und Kommunist Horst W. Blome lebt nicht mehr. Die Nürnberger Nachrichten meldeten am Donnerstag, dass der 83-Jährige in seinem Haus in Altdorf bei Nürnberg verstorben ist.

Blome war in den 1960er-Jahren das kreative Zentrum der außerparlamentarischen Opposition in der Provinzgroßstadt Nürnberg, gründete Offtheater und Kabarettbühnen, die mit Strafverfahren überzogen oder gleich verboten wurden. Mit politischen Happenings brach der Zugereiste in die muffige Nürnberger Öffentlichkeit ein, provozierte seinen Rausschmiss aus der SPD und führte im Gerichtssaal geschickt die Justiz vor, die ihn wegen der Verbreitung unzüchtigen Schrifttums und jugendgefährdender Schriften auch mal einsperren ließ. Seit 1968 war Blome Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei. Einer Einladung in die DDR folgte er nicht, weil er seine Aufgabe darin sah, die BRD auf den Kopf zu stellen. In einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten erinnerte er sich vor vier Jahren: „Wir haben Teile der Öffentlichkeit aus ihrem Stumpfsinn und Stillstand herausgeholt“ und: „Ich bin weiterhin für einen lockeren, fröhlichen Sozialismus. Das bleibt ein Projekt für die Zukunft!“

Seine Art des Widerstands setzte Maßstäbe. Er meldete sich bei Gründung der Bundeswehr freiwillig, um den Laden aufzumischen. Dann verweigerte er den Dienst an der Waffe und drückte dabei vor Gericht das Recht auf Kriegsdienstverweigerung durch. Auf der Bühne zog er sich aus bis auf die Socken, anlässlich der Feierlichkeiten zum 450. Reformationsjubiläum 1967 nagelte er 95 kirchenkritische Thesen ans Portal der Sebalduskirche. Gegen so etwas gibt es Paragrafen.

Trotz dieser Umtriebe gelang es Blome, sich ein Auskommen zu schaffen. Nach seinem Rauswurf an der Erlanger Uni (Radikalenerlass) verdiente er seinen Lebensunterhalt als Sprecherzieher. Er brachte den jungen Kollegen der Nürnberger Radiosender nicht nur das Sprechen bei, sondern forderte ihr Denken. Ich habe als Volontär seinen Unterricht im Sinne des Wortes genossen. Wir haben viel diskutiert und geraucht, anstatt nur fiese Zungenbrecher zu üben. Er hat sich riesig gefreut, als ich ausgerechnet 1989 Mitglied der DKP wurde. Ich sehe ihn nachts in der Redaktion sitzen, wie er Zigaretten entzweibrechend Geschichten erzählt, mit einem etwas entrückten Blick. Er war ein Mentor, dem viele Vieles verdanken. Und ein Genosse, der politisch fundamental gedacht, Politik aber immer mit Freude und Geist gemacht hat. Er wäre am 24. November 84 Jahre alt geworden.

(Foto Nürnberger Nachrichten/Ulrich; Blome gibt vor einer Gerichtsverhandlung im Juli 1968 ein Autogramm, bevor er wegen Verbreitung jugendgefährdender Schriften und Beleidigung der katholischen, evangelischen und jüdischen Glaubensgemeinschaften und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verknackt wird.)

Weimar, 14. Oktober 2021