Die Einwohner einer hübschen, kleinen Stadt am Berg waren einst bekannt als die Klügsten des ganzen Thüringer Waldes. Deshalb engagierten überall dämliche Könige einen dieser Bürger als Ratgeber und mit der Zeit halbierte sich die Einwohnerzahl der Stadt. Die Zurückgebliebenen berieten, was sie dagegen tun könnten. Sie bauten eine Bibliothek und studierten und studierten, bis sie den Verstand verloren hatten und sich griechische Säulen vor die Häuser stellten. Unsere braven Buchbürger wurden davon so blöde, dass sie überall noch mehr bewundert wurden als zuvor.

So vergingen die Jahre und eines Tages schleppte ein Tourist aus Hameln die Seuche ein und alle Bürger unserer kleinen Stadt mussten zuhause bleiben und langweilten sich zu Tode, weil einfach keiner an der Pestilenz sterben wollte. Es war so fad, dass sie eines Tages beschlossen, den Mond zu besuchen.

So holten die Buchbürger eine lange Leiter und gingen auf den Goetheplatz, um die Leiter an den Mond zu lehnen, aber sie fanden den Mond nirgends. Dann bekamen sie Durst, legten die Leiter wieder hin und kehrten auf einen Frühschoppen ins Eurocafe´ ein. Als der Nachtwächter durch die Straßen schlurfte, wurden sie aus der Kneipe hinausgeworfen und wollten nach Hause gehen, da sahen sie plötzlich den Mond am Himmel stehen. Sie nahmen die Leiter und lehnten sie an den Mond.

Sie machten ein Foto davon und gingen dann erst einmal heim, weil sie sehr müde waren, und kletterten durch die Fenster in ihre Häuser, weil sie die Türen aus Furcht vor Einbrechern abends immer aushängten und in die Keller stellten.

Als die Sonne aufging, stand die lange Leiter noch da, doch der Mond war wieder weg. Sofort kamen alle Buchbürger zum Goetheplatz gelaufen, um das Wunder zu bestaunen. Sie standen dicht gedrängt, mit den Masken unter dem Kinn, und ein kluger Mann, er war von außerhalb, stellte eine Bude auf und die Bürger in eine lange Schlange. Dort standen sie nun alle an, Bürger an Bürger, und bezahlten dem Fremden einen Gulden und durften dann die Leiter heraufsteigen, um nachzusehen, wo der Mond geblieben ist.

Ganz oben angekommen sahen sie ihn nirgends, sie sahen nur die Landeshauptstadt, in deren Häuser es keine Fenster und nur Türen gibt und ein Tor regiert. Sie kletterten wieder herunter und zogen in die Welt hinaus, um den Menschen überall die Nachricht zu verkünden, dass der Mond ausgegangen ist. Sie kamen auf Eselinnen geritten und trugen eine Krone und wohin sie auch zogen, war den Menschen das Paradies sicher. Mehr ist nicht bekannt, weil an dieser Stelle die schriftliche Überlieferung abbricht.

(Weimar, 25. Juli 2020)