Liebe Kollegen vom Feuilleton,

ich wollte Euch eigentlich einen Beitrag schicken über den Reiche-Erschießen-Skandal bei der Linken, aber es ist nichts daraus geworden. Im Fernsehen lief gestern live die Ramelow-Revolution in Thüringen und die wilde Knallerei beim Sturm auf den winterlichen Landtagspalast hat mich total abgelenkt. Ich habe keinen einzigen Blut triefenden Satz aufs Papier gekriegt.

Außerdem habe ich wenig Erfahrung mit Erschießungen. Auch theoretisch. Wir haben das in der DKP-Parteigruppe in Nürnberg-Johannis Ende der Achtziger durchgenommen, aber das habe ich verpasst, weil ich gerade einen Einsatz in der illegalen Landeszentrale hatte. Dort musste ich eine Woche lang herumliegende SED-Millionen waschen, bügeln und zum Trocknen aufhängen, die alten Genossen haben die dann auf DM umgefälscht.

Einmal bin ich dabei versehentlich mit einem Wäschekorb voller nasser Hundertmarkscheine in eine Versammlung geplatzt, wo sie gerade einem unserer Einflussagenten, einem cholerischen Gewerkschaftssekretär aus Hessen, einen Schokoladen-Orden angesteckt haben. Den hat er bekommen, weil er seine Prüfung am Schießstand bestanden hatte. Eigentlich war er ein lausiger Schütze, er traf IMMER daneben, aber wir mussten damals nehmen, was wir kriegen. Der Genosse ist später in den Osten abgehauen.

Jedenfalls sollten wir westdeutschen Kommunisten keine Millionäre erschießen. Zumindest haben sie uns das nie gesagt. Im Handbuch für Gruppen- und Zugführer der Kampfgruppen der Arbeiterklasse, das der Genosse S. auf Delegation in G. beim Wettsaufen mit Gabi Z. gewonnen hatte, stand auch nichts darüber.

Ich bin deshalb sehr verwundert, dass jetzt alle so aufgeregt sind über den Scherz der Genossin auf der Linken-Strategiekonferenz über das Erschießen von Reichen.

Der rührige Genosse K. aus Niederorschel befürchtet schlimme Folgen der Presse-Kampagne gegen die Partei und hat sich zur Wiedergutmachung heute morgen auf dem Erfurter Anger angezündet. Bisher drei mal. Seine Jacke brennt leider nicht gut an, aber er ist guter Dinge und will es weiter versuchen. Der Landesvorstand hat eine Solidaritätserklärung verabschiedet, führende Genossen bringen Tee und Kekse für die Schaulustigen und machen betrübte Mienen.

Jetzt aber genug davon. Ich muss noch in den Keller, die Gefangenen füttern.

Lb Grsz D

(Nürnberg, 5. März 2020)