Der Buchhalter und weithin unbekannte Weimarer Puschkin-Experte Leon B. war ganz erschüttert. Vor seinen Augen entfaltete sich der größte internationale Literaturskandal, der jemals ausgeblieben ist. Leon B. hatte Peter Esterházys Opus Magnum „Harmonia Caelestis“ (2000) erworben, sich zunehmend zerknirscht durch unzugängliche Texte auf 900 Seiten gekämpft und war dabei auf mehrere unzweideutige Plagiate gestoßen. Erstes Beispiel, in Kapitel 370 auf Seite 441:

„Mein Vater wurde Rotfuchs genannt, er hatte keine Augen und keine Ohren, auch Haare hatte er keine, Rotfuchs wurde er also nur so genannt.
Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. (…)
Unbegreiflich daher, von wem die Rede ist. Wir sollten lieber nicht mehr von ihm sprechen.“

Leon B., der im Selbstverlag bereits sieben sich widersprechende Puschkin-Biographien veröffentlicht hat, erkannte zum Teil Wortgleiches aus der überschätzten Daniil Charms-Werkausgabe von Galiani Berlin:

„Da war ein rothaariger Mann, der keine Augen und Ohren hatte. Er hatte auch keine Haare, so dass er nur unter Vorbehalt rothaarig genannt werden konnte.
Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. (…)
So dass man nicht weiß, um wen es sich handelt. Am besten also, wir sprechen nicht weiter über ihn.“

Auch an Wenedikt Jerofejews Poem „Die Reise nach Petuschki“ hatte sich Esterházy vergriffen, und zwar bei den dort angeführten Cocktails. Hier die Rezeptur von „Schweinegekröse“ nach Jerofejew:

100g Shiguli-Bier
30 g Haarshampon „Nacht auf dem kahlen Berge“
70 g Anti-Schuppenmittel
30 g 13-F-Kleber
20 g Bremsflüssigkeit

Bei Esterházy heißt der Drink „Windige Hündin“, Zusammensetzung:

0,1 l Schiguli Bier
0,03 l vom Shampoo mit dem Namen „Sadko, der reiche Gast“ gegen Schuppen
0,07 l Haarwasser
0,025 l Bremsflüssigkeit
0,008 l BF-Kleber
20 g Insektenvertilgungsmittel

Leon B. dachte nach. Esterházy hatte Harmonia Caelestis 2000 vollendet, der Text von Jerofejew ist von 1969 und der von Charms von 1937. Die Sache war eindeutig. Er mixte sich einen „Schweingekröse“, nahm einen Schluck und fasste den Sachverhalt in einem zwölfeinhalb Seiten-Manuskript kurz zusammen. Er schickte es per E-Mail an die führenden deutschen Pressehäuser.

Niemand rief an.

Als er fünf Minuten gewartet hatte, telefonierte er hinterher. Zuerst bei der FAZ.

„Ja?“
„Guten Tag, meine Name ist Brosinowski, ich bin Klassiker aus Weimar. Ich habe Ihnen eine –“
„Haben Sie schon geschickt?“
„Ja! Es –„
„Vielen Dank, wir melden uns bei Ihnen. Auf Wiederhören.“ (Klick)

Dann bei der TAZ.

„Jaaa …“
„Guten Tag, Leon Brosinowski. Ich bin Buchhalter aus Hamburg – aber das ist nur mein Tages-Job, eigentlich bin ich Literaturagent.“
„Ach jaaa?“
„Ich habe Ihnen ein kurzes Manuskript gemailt über einen literarischen Skandal von Rang! Es –“
„Schööön, schön, daaanke …, aber neiiin! Wir sind doch schon voll. Auf Wiederhööö –.“ (Klick)

Jetzt bei der SZ:

„Ja!“
„Ich grüße Sie. Hier spricht Leonid Dawidowitsch Grobiashvili. Sotschi. Deutsch-Russische Gesellschaft für Literarische Koexistenz. Ich könnte Ihnen unter Umständen überaus heikle Hinweise zukommen lassen über eine Weltsensation ersten Ranges betreffend einen Literatur-Nobelpreisträger. Es geht um Plagiate zuungunsten verstorbener russischer Autoren.“
„Plagiate?“
„Ja.“
„Esterházy?“
„Ja!“
„Der darf das. Überhaupt darf das jetzt jeder. Heutzutage darf man sogar Kafka abschreiben. Hat mich gefreut! Auf Wiederhören.“ (Klick)

Leon B. wurde schwindlig. Er grübelte lange. Dann beschloss er, sein Opus Magnum zu schreiben. Er begann mit den Worten: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, …“

Wir sollten lieber nicht mehr von ihm sprechen.

 

(Weimar, 31. August 2019)

 

Belege:

Peter Esterházy, Harmonia Caelestis, Berlin Verlag 2001, ab Seite 276 und Seite 441

Wenedikt Jerofejew, Die Reise nach Petuschki, Piper München Zürich 2004, ab Seite 64

Daniil Charms, Werke Band 1, Galiani Berlin 2010, Seite 139