Der lange graue Mann mit Mantel läuft abends mit hochgeschlagenem Kragen durch Berliner Aprilregen zu seinem Hotel im Hansaviertel. An den S-Bahn-Bögen bleibt er vor einer Kneipe stehen, deren Tür von zwei Schultheiss-Bier-Laternen beleuchtet wird. Graumann geht hinein. Drinnen vertäfelte Wände, robustes Mobiliar, bürgerliches Publikum beim Abendessen. Er fragt am Tresen, ob es einen Raucherraum gibt.

„Hier rechts hinter, dann links.“

Er betritt einen kleinen verqualmten Raum. Ein älterer Mann in Bluejeans und Anorak sitzt an einem der zwei Tische vor Bier, Zigaretten und Aschenbecher und raucht. Graumann grüßt, setzt sich an den anderen Tisch und dreht sich eine. Über ihren Köpfen fahren S-Bahnen hin und her. Der Alte wendet sich ihm zu und fragt:

„Hast du schon bestellt?“

„Nein.“

„Dann musst du das noch tun, die kommen hier nie rein fragen.“

Im nächsten Moment geht die Tür auf. Der Kellner fragt, was es sein soll.

„Ein großes Helles bitte.“

Der Mann am anderen Tisch versichert: „Das Bier hier ist gut. Craftbier.“

An den Wänden um ihn herum hängen Fußballspielpläne, Bierdeckel- und Kippenschachtelsammlungen, in der Ecke ein kleiner Röhrenfernseher, der auf Videotext Fußballergebnisse zeigt. Graumann steckt sich die Zigarette an.

„Spielt gerade wer?“

„Nein. Italienische Liga.“

Sie schweigen.

„Ich mache hier die Stecktabelle. Ich komme seit 1986 hierher.“

Der Kellner bringt das Bier, der Graue bedankt sich und trinkt es im ersten Zug halb leer. Der Alte deutet auf ein kleines Metallschild an der Tischkante.

„Da steht mein Name drauf. Ich bin immer hier. Jeden Tag.“

„Sie sind zu beneiden.“

„Ich war bei Siemens. Elektroniker. Kam aus Karlsruhe. Jetzt bin ich in Rente. 68. Wie alt bist du?“

„53.“

„Aktien habe ich auch noch, wir haben Aktien bekommen bei Siemens, die habe ich behalten. Letztes Jahr: 3.000 Euro Dividende.“

„Donnerwetter!“

„Auf dein Wohl. Seit 1986 bin ich hier. Früher waren wir mehr. Den Ralle gabs, der ist an der Dummheit gestorben. Hatte eine Thrombose und ist nach Amerika geflogen. Hin gings. Zurück hats ihn erwischt.“

Graumann trinkt das Bier aus und zündet sich wieder eine an.

„Der war noch jung. Pierre auch, der hatte Krebs. War so alt wie du. Lungenkrebs.“

Der Kellner kommt herein, beide bestellen neues Bier.

„Manche werden alt mit Rauchen. Mein Vater ist sehr alt geworden. Aber er hat nie geraucht. Er hatte einen Lungendurchschuss im Krieg, deshalb hat er nie geraucht. 93 geworden.“

Schweigen.

Der Kellner bringt das Bier, beide trinken. Der Alte:

„Weißt du, warum es hier im Hansaviertel so aussieht?“

„Wie sieht es denn aus?“

„Na überall Neubauten. Hier gabs die allerschönsten Häuser. Vor dem Krieg. Nur feine Leute und ganz viele Juden, das ist der Grund, warum alles zerbombt worden ist. Die Juden sind irgendwann nach Amerika abgehauen und in ihre Wohnungen sind die Nazis eingezogen. Als dann Krieg war, haben die Juden den Amis gesagt, dass die Nazis hier wohnen in ihren alten Wohnungen und dann haben die Amis alles zerbombt.“

Graumann zieht die linke Augenbraue hoch und drückt die Zigarette aus.

„Die Geschichte stimmt wirklich. Nach dem Mauerfall kam ein alter Mann hier rein und hat das alles erzählt. Er hat damals vor dem Krieg die Juden organisiert, also dass sie fliehen können, Pässe besorgt und Visa, und hier in der Kneipe gab es einen kleinen Verschlag, dort wurden die dann versteckt, bis die Reise losging. Das hat er allen erzählt, du kannst am Tresen fragen.“

„Kann man hier eigentlich das Fenster aufmachen?“

„Ja, aber wir machen das Fenster nur auf, wenn es nötig ist. Ist es nötig?“

„Nein. Ich kann Sie durch den Nebel noch gut erkennen.“

(Weimar, 14. Juni 2022)