Der graue Mann mit Mantel besteigt den ersten Wagen der Regionalbahn nach Erfurt, geht nach links und setzt sich auf einen Fensterplatz. Er kann von hier in die Lokführerkabine schauen, sieh an, hinter dem Lokführer sitzt noch einer. Stocksteif. Oje, das wird der Ausbilder sein, der am Steuer übt wohl noch – mit mir an Bord! Graumann wird in diesem Augenblick bewusst, dass Zugfahrten keine automatisierten Vorgänge sind, sondern in einem hochkomplexen System aus Tausenden herumschießenden Schwermetallprojektilen stattfinden, die von fehleranfälligen Menschen gesteuert werden. Was, wenn er heute zum ersten Mal selbst lenken darf und falsch abbiegt oder zu schnell fährt und nicht mehr bremsen kann, wenn plötzlich eine Kuh auf dem Gleis steht? Jetzt hebt der Ausbilder auch noch den rechten Arm! Und danach auch der Fahrschüler, was soll da …? Ah, sie haben den Lokführer des entgegendonnernden Zuges gegrüßt, das machen also nicht nur die Busfahrer, ist das nicht gefährlich? In der Autofahrschule muss man die ganze Zeit das Lenkrad mit beiden Händen festhalten, obwohl so ein Auto nicht 400 Tonnen schwer ist, sondern nur, äh, na ja, jedenfalls viel leichter. Jetzt ist der Erfurter Hauptbahnhof schon nahe, der Azubi muss den Überblick behalten, rechts und links von uns vermehren sich die Geleise und ein Wald von Oberleitungsmasten wächst über uns zu, wie finden die sich da zurecht? So ein Lokführer ist doch auch nur ein Mensch, ein menschlicher Faktor, eine permanente Drohung menschlichen Versagens, der graue Mann mit Mantel mag Menschen generell nicht und als Adjektive sind sie ihm besonders zuwider. Der Zug kommt am Bahnsteig zum Stehen, der furchtsame Fahrgast richtet sich erleichtert die Maske und steigt aus. Er schmunzelt über die überstandene Panikattacke, läuft zur Rolltreppe, geht sie hinunter, fädelt mit der linken Stiefelspitze am rechten Hacken ein und fällt vornüber einem riesigen Mann mit Pit-Bull-Mütze in den Rücken. „Pass doch uff!“, brüllt der, Graumann murmelt: „Entschuldigung, war menschliches Versagen …“

(Im Zug von Erfurt nach Nürnberg, 8. Februar 2022)