von Georg Junge (*)

Ich bin zu Hause, habe Bereitschaft, nachts klingelt mein Telefon, ein Pflegeheim in M. Ich frage: Einzelzimmer oder Doppelzimmer? Doppelzimmer. Also müssen wir den Verstorbenen gleich holen, wegen des Zimmergenossen, wenn er im Einzelzimmer wohnt, kann das eventuell bis zum nächsten Morgen warten. Adresse soundso, Judith H, Wohnbereich 3. Wir fahren nach M, parken vor dem Pflegeheim, da hängt jemand aus dem Fenster in der zweiten Etage und ruft: „Ihr müsst hier hoch in die zweite!“ Wir werden stutzig. Warum ist Wohnbereich 3 in der zweiten Etage und nicht wie sonst in der dritten?

Egal, wir also hoch, finden die Frau, laden sie ins Auto ein und rauchen noch eine. Trotzdem komisch. Ich gucke auf ihren Ausweis und stelle fest: Judith heißt ja Edeltraud! Also haben wir Edeltraud wieder in Etage 2 gefahren und in ihr Bett gelegt, sind in die dritte in Wohnbereich 3 und haben dort Judith mitgenommen. Warum Edeltraud beim Herumtragen nicht aufgewacht ist? Die war auch tot.

Wir werden zu einer älteren Frau gerufen, Hausabholung. Ihr Mann hatte noch die Einkäufe hochgetragen, ist dann im Wohnzimmer zusammengebrochen und schlug sich den Kopf an der Tischkante auf. Wir gehen mit der Witwe in die Küche, um alles abzusprechen. Wir würden ihn mit der Trage transportieren, weil es im Sarg nicht geht, wegen Arbeitsschutz und Pietät. Versuche mal jemanden, der nicht angeschnallt ist, in einem Sarg hochkant die Treppe herunterzutragen. Ding Dong.

Aber wir würden ihn zuvor in der Trage schön einbetten, damit sie sich noch verabschieden kann, bevor wir ihn runterbringen. Gesagt, getan. Wir betten ihn ein, die Hinterbliebene kommt ins Wohnzimmer, schaut, schlägt die Hände über den Kopf zusammen und jammert: „Oh mein Gott!“ Wir schweigen berührt. Sie deutet auf den roten Fleck auf dem weißen Flokati: „Das kriege ich doch nie wieder aus dem Teppich raus!“

Ich hatte eine Trauerfeier für einen Kommunisten aus Chile, sehr interessant, da hat sein Sohn die Rede gehalten und erzählt, warum seine Schwester Libertad heißt. Vater und Mutter waren gleich nach der Revolution für eine Zeit nach Kuba gegangen, um beim Aufbau des neuen Bildungssystems zu helfen. Sie lernten bestimmte Leute kennen und haben mit denen viel in der Küche gesessen und gesoffen, und seine Schwester heißt Libertad, weil ein Fidel bei so einer Sitzung in der Küche den Namen vorgeschlagen hat und ein Che ihn großartig fand.

Jemand hat mal seinen Bruder verbrennen lassen. Erst nach der Kremierung der Leiche im Sarg meldete sich der Rest der Familie bei ihm und wollte eine Erdbestattung, weil katholisch. „Kann man da noch was machen?“, fragte er uns. „Schon. Wir könnten die Urne in einen neuen Sarg legen und so beisetzen.“ Er war einverstanden. Musste halt zwei Särge bezahlen.

Manchmal liegt einer länger, bevor es jemand mitkriegt, dann gibt es entsprechend Parasitenbefall, Fliegenmaden, je nach Stadium fliegen die Viecher auch mal ein bisschen durch den Raum. Wir kommen wo hin, um einen abzuholen, gehen rein mit dem Typen von der Kripo, da setzt sich eine Fliege auf die Lippe des Polizisten und meinem Kollegen rutscht raus: „Ich will nicht wissen, wo die Fliege vorher gesessen hat.“ Drauf rennt der Bulle zum Balkon und kotzt im Strahl über die Brüstung.

Nein, gesoffen wird nicht bei uns, also nicht bei der Arbeit. Ganz früher vielleicht. In A war eine Trauerfeier vorbei und der Friedhofshoschi ging in seinem fleckigen, grauen Kittel in die Halle, nahm die Urne auf und lief zum Grab. Er voran, die Angehörigen hinterher. Der Weg war lang und der Typ hatte schon einige Bier gehabt und die wollten raus. Also blieb er stehen, stellte die Urne ab, ging nach rechts vor einen Baum, holte ihn raus, pullerte, schüttelte ab, nahm die Urne wieder auf und führte die Prozession weiter an. Hat ein älterer Kollege erzählt. Das machen wir heute nicht mehr so.

(*) Alle Namen geändert außer Libertad, Fidel und Che; Niederschrift Pierre Deason-Tomory