Land und Leute

Ich fahre gerne mit der Ilmtalbahn von Weimar nach Bad Berka, von der Kleinstadt aufs Land. Der Zug kriecht mit 50 Stundenkilometern kurvig durch Vorstadt, Dörfer und den Wald, vorbei an Pferden, Rehen, ausgetrockneten Bächen und zerbrochenen Bierflaschen. Heute Morgen saß ich zwischen stummen ausländischen Malochern unterschiedlicher Herkunft, die müde ins Nichts blickten auf dem Weg zu irgendeiner Schwitzbude in Nohra, einer Gemeinde, die nach einem Weimarer Autobahnanschluss benannt ist. Gleich nach Halt Berkaer Bahnhof ließ der Lokführer das Horn dröhnen, machte eine Vollbremsung und blökte aus dem Fenster: „Mach dich wech von de Geleise! Bist du blede?“ Ein Mütterchen hatte an der Böschung Blumen gepflückt, sah kurz auf und pflückte dann weiter. Die Arbeiter schauten scheel zum Führerstand. In Nohra stiegen sie aus, herein kam ein junger Kerl mit Yakuza-Kapuzenshirt, Kopfhörern und Sonnenbrille. Er saß breitbeinig da, wippte nervös mit dem rechten Fuß, nickte dazu und ließ alle fünf Minuten einen fahren. Ich liebe die Thüringer, sie sind so natürlich.

(Weimar, 18. Mai 2022)