Samstag Abend um 18:15 Uhr. Die verseuchte Fußball-Saison findet ihren abschließenden Höhepunkt mit dem Relegationsrückspiel Ingolstadt gegen den 1. FC Nürnberg. Im Hinspiel hatte der Club fabelhaft gespielt, 2:0 gewonnen, drei Mal Holz getroffen und zwei mal aus dem Abseits. Also jetzt gleich einen reinmachen, dann bräuchten die anderen vier. Und wir werden doch nicht aus der Bundesliga in die Dritte durchgereicht.

Ich betrete pünktlich um Viertel Sieben das Jagdstüberl in der Nürnberger Südstadt. Die griechische Wirtin platziert mich wie letztes Mal neben den Märtyrer, der in den Sechzigern Zeuge geworden ist von Meisterschaftstriumphen im eigenen Stadion. Er heißt Klaus und verdrückt zum Aufwärmen eine riesige Currywurst mit Pommes.

An den Tischen sitzen etwa 25 Männer und drei Frauen. Sie trinken Zirndorfer für 2,70 die Halbe und sind ungewohnt zuversichtlich gestimmt. Die Reporterin empfiehlt beiden Teams in der trägen Anfangsphase, einfach mal eine „Schlanke zu flagen“. Prompt flagen die Nürnberger zwei Schreistöße über den Kasten von FCI-Keeper Knaller (9. Ishak, 10. Behrens). Teamkollege Krauße macht es zehn Minuten später genauso auf der Gegenseite vor dem Tor von Christian Mathenia, den man nach Abpfiff heulen sehen wird. So plätschert die erste Spielhälfte dahin, auch meine Coronawarnapp meldet null Treffer.

Nach Wiederanpfiff machen die Nürnberger endlich Druck. In der 50. klärt der Ingolstädter Schröck im Strafraum eine schlechte Flanke von Zrelak mit der Hand – und der Schiedsrichter lässt weiterspielen! Rufe im Jagdstüberl: „Der pfeift doch scho widder gecha uns!“. Der zweimalige Deutsche Meister neben mir verlangt den Videobeweis. Fast im Gegenzug Freistoß für Ingolstadt. Mathenia verfehlt die Kugel, schlägt den eigenen Mann nieder und Kutschke fällt mit dem Ball ins Tor. 1:0 für Ingolstadt „statt Elfmeder für Nömberch!“, die Bude brennt, ich gehe rauchen.

Vor der Türe stehen drei Männer und schimpfen. Dann geht die Tür auf und plötzlich steht die halbe Kneipe draußen: Ingolstadt hat gerade auch noch das 2:0 gemacht, nach einem Freistoß, der keiner war, schwört der Mann an meinem Tisch, als ich wieder reinkomme. „Der pfeift gnadenlos für die andern.“ Unruhe im Saal. 66. Minute, wieder Freistoß Ingolstadt, die Nürnberger bestaunen die schöne Hereingabe und Krauße nickt ein, 3:0, da hammers, Dritte Liga!

25 Fans im Jagdstüberl und die Ersatzspieler auf der Tribüne im Ado-Gardinen-Stadion zetern und fluchen, die Wirtin würgt sich selbst den Hals und verschwindet in der Küche.

Jetzt rennt der Club, aber jeder Ball verspringt. Wiesinger bringt nacheinander fünf neue. In der 80. Minute Doppelhalbchance Dovedan, in der 83. schießt Hack fast den Knaller um, in der 87. legt der blinde Frey unbedrängt „am leeren Dor vorbei!“. Stille Verzweiflung in der Wirtschaft. Fünf Minuten Nachspielzeit werden angezeigt, „Ah geh, pfeif ab!“ stöhnt es am Tisch an der Tür. Der Ingolstädter Geis sinkt vom Hack-Fuß getroffen nieder und nimmt eineinhalb Minuten von der Uhr. 94. Minute, Freistoß für den Club, Mathenia geht mit nach vorne, der Ball segelt in die Arme von Kollege Knaller. Die fünf Minuten Nachspielzeit sind jetzt um, aber Mathenia kriegt die Kugel noch mal, gibt sie weit nach vorne, wo sie abgeblockt wird, dem eingewechselten Schleusner vor die Füße rollt und –

alle springen auf, toben brüllend durch die Wirtschaft und schütteln mit den Fäusten. Obacht! Was? Videobeweis? Nein! Aaahhhhh … Der Trottel in Schwarz zeigt auf den Anstoßpunkt, ein Pfiff, noch ein Pfiff und aus!

Als ich wieder zu mir komme, ist alles ruhig. Im Jagdstüberl sitzen sie da und streicheln selig ihre Bierkrüge. Zwei Kerls und eine junge Frau werfen Pfeile auf die Scheibe, einer daddelt am Automaten.

War was? Naa. So wie immer halt.

 

(Nürnberg, 12. Juli 2020)