Am Freitag Morgen um kurz nach zehn komme ich am Hallplatz an dem Haus vorbei, in dem früher Friseur Biondic seinen Salon hatte. Da ist jetzt eine Targo-Bank-Filiale drin.

Zum Biondic ist die Frau Mama immer hingegangen. Sie arbeitete damals im Büro der „Spedition Pfister und Co“ im Nürnberger Rotlichtbezirk, und parkte ihren Renault 4 meistens in der Otto-Straße, da gab es zwischen den Bordsteinschwalben oft freie Parkplätze. Ich bin das letzte Mal vor fast 20 Jahren bei ihm gewesen. Erdal, der Geselle, versorgte meinen Kopf und Herr Biondic den der Mutter, während er mich, den er schon als kleinen Bub kannte, fragte: Uund? Hast Du eine Freundin? – Ja. – Uund? Spielt sie Blockflöte?

Erdal grinste, Mutter grinste, Herr Biondic erzählte uns von seinen Kundinnen.

Die eine kommt seit 20 Jahren zu mir. Ihr Mann ist abgehauen und hat ihr einen Berg Schulden hinterlassen. Sie ist anschaffen gegangen, um die Schulden abzubezahlen. Irgendwann war sie damit fertig, aber sie bedient weiter die Männer mit Gängelband und Peitsche und ist jetzt reich. Und am ganzen Körper rasiert, überall, freute sich Herr Biondic, nur nicht auf dem Kopf, den bringt sie immer her. Eines Tages, nur kurze Zeit nach diesem Besuch, ist Herr Biondic plötzlich umgefallen und gestorben.

Ich laufe weiter zur ehemals verruchten Luitpold-Straße. Hier waren früher Tür an Tür Sexläden, Stripbars, Peep Shows und glibberige Hotels. Heute gibt es die dort nur noch vereinzelt, unter anderem zwei Restaurants haben die Lücken geschlossen, ein Kunstbuchladen und ein Literaturkaffeehaus. Ich weiß nicht, ob das das Ergebnis einer gezielten Kulturgentrifizierungspolitik ist. Jedenfalls wurde vor zwanzig Jahren zwischen der Luitpoldstraße, der Stadtmauer und den Bumslokalen das „Neue Museum“ für Kunst und Design gebaut.

Ich will dort zum Headshop, weil ich einen neuen Grinder kaufen möchte, mein alter hat wie ich lockere Zähne. Der inhabende Inder macht aber erst um dreiviertel elf auf, also gehe ich in das Literaturcafé, um einen Cappuccino zu trinken. Der Laden ist rappelvoll, ich werde hinten rechts platziert. Es wird auch eine ältere Dame mit Hut an meinen Tisch gesetzt, die aber nicht mit mir schwätzen kann, weil sie mit aufgerissenen Augen den Berg Schlagsahne auf ihrem Eiskaffee weglöffeln muss. Es könnte ihr letzter sein.

Die Nürnberger erwarten bang die zweite Corona-Welle und noch mehr die ausgepichten Regelungen, die ab heute in der Stadt gelten werden, um zu verhindern, dass uns die Unmaskierten zu Tode amüsieren. Familienfeierkontingentierung, Sperrstunden, geschlossene Lokale. Vermutlich auch gewerbliches Bumsverbot. Sogar der Christkindlesmarkt ist in Gefahr, schlägt der Zeitungskasten an der Bushaltestelle Alarm. Das Christkind kommt und keiner geht hin. So ist das halt. Keine Blockflöten, kein Hosianna.

(Nürnberg, 18. Oktober 2020)