Samstagnachmittag in der guten Stube. Auf dem Sofa sitzt die Omi, auf den Sesseln haben sich ihr älterer Sohn, seine Gattin, der jüngere Sohn und die Tochter niedergelassen. Deren Ehemann hockt auf dem Klavierstuhl, Vaters Sessel ist leer.

Älterer Sohn: Der Kuchen ist fantastisch, Omi, so etwas kriegt man heutzutage nicht mehr beim Bäcker.

Omi: Doch, beim Süpke. Da habe ich ihn gekauft.

Jüngerer Sohn: Noch etwas Kaffee, Mutter?

Omi: Willst du mich umbringen? Das ist pures Gift! Wer von euch hat den gemacht?

Schweigen.

Tochters Ehemann: Wenn Opa jetzt bei uns sein könnte …

Omi: Ja. Dann hätten wir uns die ganze blöde Feier sparen können.

Schweigen.

Omi steht auf und geht langsam durch die Stube.

Tochters Ehemann: Kann ich dir helfen, Omi?

Omi: Du? Nein.

Sie nimmt eine verschnürte Pappschachtel vom Klavier, geht wieder zurück zum Sofa und stellt die Schachtel auf den Tisch.

Omi: Also. Vater lässt ausrichten, dass es ihm leidtut, dass er euch keine Reichtümer vererben konnte.

Gespannte Stille.

Omi: Außer das Klavier.

Noch gespanntere Stille.

Omi: Und das bleibt hier. Wir sind anständige Leute. Wir heben das Klavier auf für Familie Rosenberg von oben, für den Fall, dass die doch noch zurückkommen.

Jüngerer Sohn: Mutter!

Omi deutet auf die Schachtel: Das da wollte er euch hinterlassen. Wer will es haben?

Tochter: Was ist es?

Omi: Vaters Schädel. Wer nimmt ihn mit?

Tochters Ehemann verzieht das Gesicht, Tochter und Söhne lachen.

Jüngerer Sohn: Das ist nicht sein eigener Schädel, Bruno.

Älterer Sohn: Den hat er als Kind beim Rauchen im Bombenkrater gefunden. Er hatte ihn auf dem Schreibtisch stehen.

Tochters Ehemann beugt sich vor und greift nach der Schachtel.

Tochter: Fass ihn nicht an!

Jüngerer Sohn: Es war nicht beim Rauchen. Er hat ihn beim Fummeln im Krater gefunden, hat er mir erzählt.

Omi: Fummeln? Vater? Unwahrscheinlich. Also wer nimmt den Schädel? Ich will ihn nicht im Haus haben.

Tochter: Warum wirfst du ihn nicht einfach in den Müll?

Omi: Ich will keine Großfahndung auslösen.

Jüngerer Sohn: Bring ihn zur Polizei.

Omi: Und denen sage ich: Hier, Vaters Schädel. Den hat er beim Fummeln im Bombenkrater gefunden. Auf Wiedersehen! Und dann stellen sie mir das Haus auf den Kopf und suchen in der Tiefkühltruhe nach zerstückelten Kinderleichen.

Jüngerer Sohn: Ich nehme ihn mit, Mutter, und verstecke ihn irgendwo im Keller.

Omi: Danke. Würde jetzt eines meiner Kinder die Güte haben, mir von diesem scheußlichen Kaffee nachzuschenken?

Samstagabend, es ist schon dunkel. Der jüngere Sohn steht vor dem Haus seines Bruders an der Tür und klingelt, unter dem Arm die Schachtel mit Vaters Schädel.

Der ältere Bruder, Christian Kaminski, seit drei Jahren Bürgermeister der kleinen Stadt, wohnt in einer kleinen Villa mit großem Garten. Bevor er zum Bürgermeister gewählt worden ist, hat er eine zielstrebige und geräuschlose Karriere im Baudezernat der Stadt hinter sich gebracht. Er hatte früh gelernt, zu erkennen, was das Richtige ist. Nach der EOS kandidierte er Anfang 1989 für die Mitgliedschaft in der SED. Als die ihn Ende 1989 aufnehmen wollte, lehnte er ab und trat in die CDU ein. Nach dem Studium holte ihn der CDU-Bürgermeister, der auch schon vor der Wende die Stadt regiert hatte, in die Verwaltung und baute ihn als Kronprinz auf. Sein Aufstieg wurde jäh unterbrochen, als er vor sieben Jahren die Bürgermeisterwahl überraschend gegen einen parteilosen Bewerber, den Stadtkämmerer Friedrich Weiß, verlor. Der trat jedoch nur drei Jahre später zurück, weil er sich wegen nie bewiesener Bestechungs-Vorwürfe mit einem Abwahlverfahren konfrontiert sah. Bei der darauffolgenden Wahl gewann Kaminski das sauer verdiente Amt. 20.000 Euro hatte er dem Lokalchef der Zeitung für dessen Hilfe bei seinem „Coup“ bezahlen müssen.

Bürgermeister Kaminski öffnet die Haustür und blickt auf Jörg, seinen Bruder, und die Schachtel mit Vaters Schädel.

Christian: Oh.

Jörg: Es ist, was du denkst. Britta will das Ding nicht, auch nicht im Keller. Du musst ihn nehmen.

Er drückt Christian die Schachtel in die Hand, tippt sich an die Wollmütze und geht.

Samstagnacht um halb elf im Schlafzimmer von Christian und Ingrid Kaminski.

Christian: Du bist doch nicht böse, weil ich den Schädel genommen habe?

Schweigen.

Christian: Ingrid? – Ingrid?

Christian wird gegen ein Uhr morgens wach, das Bett neben ihm ist leer. Er geht in die Küche. Am Tisch sitzt Ingrid im Kimono und löffelt Eis. Christian nimmt einen Löffel aus der Schublade und setzt sich dazu.

Ingrid: Was hat dein Vater eigentlich gemacht im Krieg?

Christian: Gar nichts, Räuber und Gendarm gespielt.

Ingrid: Das sagen alle.

Christian: Er war zu Kriegsende erst 13. Sein Vater war wohl ein Nazi. Er hatte Glück und kam schon 1946 zurück. Er hat Vater geprügelt. Andauernd. Jeden Tag. ´48 ist er abgehauen. Niemand hat ihn vermisst.

Schweigen. Sie sehen sich nicht an und löffeln abwechselnd Eis.

Ingrid: Hast du deinen Vater eigentlich geliebt?

Schweigen.

Christian denkt bei sich: Gleich kommt die Frage, ob ich …

Ingrid: Kannst du überhaupt lieben?

Christian: Ich gehe dann wieder ins Bett.

Ingrid: Putz dir vorher die Zähne.

Sonntagmorgen in einem luxuriösen Badezimmer mit viereckiger Badewanne, Doppeldusche und einem Bidet. Aus unsichtbaren Boxen erklingt leise ein Hit von Rick Astley. Christian und Ingrid stehen nebeneinander vor zwei großen, parallel angebrachten Designer-Waschbecken. Er, in Boxershorts und Filzlatschen, wienert mit Zahnseide seine Zähne, sie, bereits angekleidet, tuscht sich die Wimpern.

Ingrid: Wo hast du den Kopf eigentlich hingetan?

Christian: Ich habe ihn erst mal in den Schlafzimmerschrank gelegt.

Ingrid: Der kann hier nicht bleiben.

Sie malt sich die Lippen an.

Christian: Ich kann ihn nicht wegschmeißen, ich kann ihn nicht zur Polizei bringen, das fehlte noch, ich kann ihn nur irgendwo verstecken.

Ingrid deutet mit dem Lippenstift auf ihren Mann: Und wo?

Christian: Auf dem Boden?

Ingrid: Und wenn die Kinder ihn finden?

Christian: Hör auf, da oben täglich Staub zu wischen, dann gehen die da auch nicht hoch.

Ingrid: Dann lass mich endlich arbeiten gehen und ich wische nie wieder Staub!

Schweigen. Ingrid prüft sich im Spiegel, Christian fängt an, sich elektrisch die Zähne zu putzen.

Ingrid: Vergrabe ihn im Wald.

Christian: Üch? – Grumm — Oinen Schädel? – Grumm – Oin Bürblermeitscher berbräbt – Grumm – meimlich machts – Grumm – oinen Potenschädel? Im Bunkeln! – Grumm …

Ingrid: Setz doch einfach deine alberne Grubenlampe auf, mit der du stundenlang im Keller herumspielst, anstatt das Licht anzumachen.

Foto: Andreas Bininda, fotolights.de

In der Nacht von Sonntag auf Montag. Bürgermeister Kaminski steht, eine Stirnlampe am Kopf, in einem winterkahlen Birkenwäldchen und gräbt mit einer Schaufel umständlich ein Loch in die kalte Erde. Er verflucht sich dafür, dass er keine Spitzhacke mitgenommen hat. Endlich ist er fertig. Er legt die Schachtel ins Loch und schaufelt es wieder zu. Als er mit dem Fuß die Erde über das gewölbte Schädelgrab verteilt, muss er an einen alten Witz mit Ulbricht und den Bauarbeitern denken und grinst: Ihr misst tiefor groben, Genossen!

Montagmorgen am Frühstückstisch.

Ingrid: Hast du ihn tief genug vergraben?

Christian: Ja.

Ingrid: Wie tief hast du ihn vergraben?

Christian: Etwa so.

Ingrid: Und wenn ihn ein Hund findet? Hast du Handschuhe getragen?

Christian: Ich wollte sie nicht ruinieren und die Arbeitshandschuhe habe ich vergessen.

Ingrid: Also nicht?

Christian: Nein.

Ingrid: Ich fasse es nicht! Warum hast du nicht auch noch deinen Personalausweis dazugelegt, du Trottel von Bürgermeister? Hol den Schädel wieder zurück!

Christian: Wozu? Und was dann?

Ingrid: Weiß ich nicht. Uns wird schon was einfallen, aber hol ihn zurück, hörst du? Oder soll ich es tun? Jetzt gleich?

Christian: Ingrid …

Ingrid: Du! Bringst! Ihn! Wieder! Hierher!

Montag kurz vor Mitternacht. Bürgermeister Kaminski mit Stirnlampe am Kopf gräbt wieder im Birkenwäldchen. Plötzlich hört er einen großen Hund bellen und jemanden rufen. Er starrt ins Dunkle, überlegt, ob er die Lampe ausmachen soll, zieht aber doch erst hektisch die Schachtel aus dem Loch – da steht auf einmal ein Dobermann vor ihm und knurrt.

Männerstimme: Susi, ruhig … Susi!

Christian Kaminski steht stocksteif da mit leuchtendem Kopf, drohend die Schaufel in der rechten und die Schachtel vor sich auf dem Boden, vis à vis der knurrende Hund mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren.

Männerstimme: Na sowas, guten Abend, Herr Bürgermeister! Sind sie jetzt auch noch Oberförster geworden – Susi komm her! – oder gehen sie als einer von den sieben Zwergen?

Christian: Guten Abend, Herr Bürgermeister.

Männerstimme: Alt-Bürgermeister dank Ihrer gütigen Hilfe, aber Sie dürfen Weiß zu mir sagen.

Eine Gestalt im langen Mantel kommt dazu.

Frauenstimme: Friedrich, was faselst du hier? Oh, der Herr Bürgermeister! Guten Abend.

Christian: Guten Abend, Frau Weiß.

Friedrich: Haben Sie das da gerade ausgegraben oder wollten Sie es gerade eingraben?

Rosa: Was ist es? Was ist drin in der Schachtel?

Christian legt die Schaufel hin und hebt die Schachtel auf: Es ist alles ganz harmlos, ich kann das erklären.

Friedrich: Los, zeigen Sie schon her.

Christian: Nur eine kleine Jugendsünde vom Vater –

Rosa: Mein Beileid noch.

Christian: Danke.

Friedrich: Ja, mein Beileid, aber jetzt platze ich gleich vor Neugierde: Juuugendsünden? Machen Sie doch endlich die Schachtel auf!

Christian: Sie ist verschnürt …

Rosa nimmt ihm die Schachtel aus der Hand und gibt sie ihrem Mann.

Rosa: Und mein Männe hat ein Messer, doch im Dunkeln sieht man nichts: Leuchten Sie ihm, Herr Bürgermeister!

Friedrich Weiß zerschneidet die Schnüre, öffnet die Schachtel und nimmt erst ein Stück Papier und dann einen runden Gegenstand heraus.

Friedrich: Sehr verdächtig: Ein Plaste-Totenkopf und ein Zettel? „Schöne Grüße von Vater. Den alten Schädel gibt es schon lange nicht mehr. Aber wenn einer diesen Brief findet, dann kriegt er das Klavier. Gruß Omi“

Bürgermeister Kaminski reißt seinem Vorgänger den Schädel aus der Hand und starrt ihn ungläubig an. Er sieht auf den Zettel, wieder auf den Halloween-Kopf, atmet tief durch, lässt den Schädel fallen und lehnt sich gegen einen Baum.

Friedrich: Kriegen Sie jetzt einen Herzinfarkt?

Christian: Ja.

Friedrich: Was dachten Sie, was drin sein würde?

Christian: Ein … ich weiß nicht.

Rosa: Geht es Ihnen gut?

Friedrich: Wissen Sie was, Kollege Bürgermeister? Wir gehen jetzt auf einen Sprung zu uns und beißen einen ab. Ich habe Schnaps in der Standuhr, der macht Sie wieder munter.

Rosa: Und ich habe Zigaretten, also los!

Dienstagmorgen um vier. Christian Kaminski fährt in seinem Dienst-BMW durch verlassene Straßen nach Hause und hört laut AC/DC. Er taktiert mit einer brennenden Zigarette den Rhythmus der Musik und lächelt. Der Alte ist eigentlich in Ordnung, schade, dass man nicht Freunde sein kann. Aber ich weiß, dass er weiß, wie wir das Ding gedreht haben. Er denkt an den Lokalchef der Zeitung und verzieht das Gesicht. Dieser aus dem Hals riechende Sitzriese, der wollte echt Bares, 20.000 Euro. Wie unanständig. Der kluge Mann tut das Richtige und lässt sich Wertpapiere geben. Okay, er hat auch mal ein Badezimmer genommen, Ingrid wollte es unbedingt. Badezimmer mit Bose-Anlage. Der Alte ist wirklich in Ordnung, denkt er wieder, beide, sie auch, mit denen kann man einen trinken, obwohl es doch komisch ist nach der Sache. Sauber war‘s nicht, aber trotzdem ein astreiner Coup! Kaminski grinst. Der Weiß weiß doch, auf was er sich einlässt, wenn er Politik machen will. If you can‘t stand the heat, get out of the kitchen. Er parkt das Auto vor dem Grundstück seiner Villa, zündet sich mit Rosas Streichhölzern eine von Rosas Zigaretten an und lässt Motor und Musik noch einen Moment laufen — da klopft es an der Scheibe der Fahrertür und eine Taschenlampe blendet ihn.

Erster Polizist: Guten Morgen, Herr Bürgermeister!

Christian: Guten Morgen –

Zweiter Polizist: Würden Sie bitte den Motor ausmachen? Und die Musik? Und die Zigarette?

Erster Polizist: Dann die Papiere bitte und aussteigen und zum Kofferraum, zeigen Sie uns Verbandskasten und Warndreieck …

Zweiter Polizist: … und Warnweste, Schaufel und Gummischädel.

Christian: Scheiße.

Zweiter Polizist: Keine Sorge, so einen Gummischädel darf man doch haben. Aber, sagen Sie, Herr Bürgermeister: Haben wir etwa getrunken?

Christian: Es war eine dringliche dienstliche Angelegenheit, Sie werden das verstehen … Kann man das nicht irgendwie regeln?

Erster Polizist: Haben Sie gerade „regeln“ gesagt?

Zweiter Polizist: Du, Erich, er hat doch gerade „regeln“ gesagt, oder?

Christian: Sie haben mich –

Erster Polizist: Was meint er mit „regeln“?

Zweiter Polizist: Was meinen Sie mit „regeln“? Regeln regeln?

Christian: Nichts, gar nichts.

Zweiter Polizist: Was kriegt man heutzutage für Trunkenheit am Steuer, Erich?

Christian: 20.000 Euro?

Erster Polizist: Na bitte! Dann verstehen wir uns ja doch, Herr Bürgermeister! Ich hoffe, Sie haben soviel zuhause. Nach Ihnen!

 

(Weimar, 9. November 2020)