Vor Ankunft der zweiten Corona-Welle gehen die Deutschen wieder auf Reisen, als wenn es kein Morgen gibt. In Weimar fallen die Touristen bildungshungrig über die Stadt her und fressen sie kahl. Sie sitzen in den Wirtshäusern und löchern die Eingeborenen mit Fragen über Goethe, Rouladen und andere Sehenswürdigkeiten der Region. So wie dieser Oberstudienrat aus Bielefeld, der vom Kellner im Sächsischen Hof am Herderplatz wissen wollte:

„Was ist denn dieses Brätel genau?“

„Ein Brätel ist ein Schweinenacken. Es wird vor dem Braten eingelegt in Schwarzbier, Zwiebeln, Pfeffer, Salz und Senf.“

„In Schwarzbier und Senf?“

„Ja.“

„Haben Sie auch etwas Alkoholfreies?“

„Die halbe Ente ist alkoholfrei, wir haben sie vor dem Braten pusten lassen.“

„Ich weiß nicht … Warum heißt das Brätel eigentlich Brätel?“

„Nach dem Bräteltier, das ist aber inzwischen ausgestorben und deshalb –“

„– Ausgestorben? Hoch interessant! Woran denn?“

„Sauerstoffmangel. Nach dem Ausbruch des Harzer Brocken vor 13.000 Jahren war es sechs Wochen lang dunkel und da sind alle Bräteltiere erstickt.“

„Wie sahen die denn aus?“

„Na, recht groß und schwer und so. Langes, rotes Fell, ein bisschen wie bei Orang Utans. Sie schwangen sich von Telegrafenmast zu Telegrafenmast und ernährten sich von Kriechstrom.“

„Sie sind wirklich sehr gut informiert, typisch Weimar, was? Höhö!“

„Danke. Das hier ist nur mein Brotjob, sonst gebe ich Architektur-Vorlesungen an der Bauhaus-Universität.“

„Aus was wird das Brätel heutzutage gemacht?“

„Das kommt auf die Region an. Bei uns in Thüringen nehmen wir Schwein. Woanders nehmen sie andere Tiere. Manche Städte tragen sogar den Namen der Tiere, aus denen sie ihr Brätel machen. Wie bei Hameln und Bärlin.“

„Tatsächlich!“

„Hundshagen.“

„Oh!“

„Und Ratzeburg. Und –“

„Ich nehme dann doch die halbe Ente und ein Mineralwasser.“

„Sehr gerne. Das Wasser bringe ich Ihnen gleich, ich muss vorher nur kurz in den Garten. Die Klöße gießen.“

(Weimar, 25. Juli 2020)