Am frühen Mittwochmorgen im Nürnberger Hauptbahnhof. Der graue Mann mit Mantel betritt die Futterkatakomben, kauft beim Bäcker einen Becher Kaffee und sucht sich einen Platz an den kleinen Tischen gegenüber vom Fisch-Gosch. Er setzt sich neben einen kleineren, rundlichen Mann mit kräftigen Händen und einem Kugelbauch, der vor einem halbleeren Augustiner sitzt.

Du dei Masken nunder, die braugst hier ned, sagt der Runde.

Wo Sie’s sagen, sagte der Graue, setzt ab und trinkt von seinem Kaffee.

Nur Kaffee?

Ja. Ein Bier hätte ich auch gerne, aber wenn ich jetzt damit anfange, bin ich bis Mittag betrunken.

Der Runde mustert den Grauen.

Ich war siemadreißich Jahr bei der Bundesbahn.

Ein Bahnler.

Ja. Dechnigger.

Der Verkäufer vom Fisch-Gosch guckt besorgt herüber.

Da warst audomatisch Algoholiger, bei alle. Bei die Leud und bei die Chefs. Dann hams a Gutachten gwollt, wecha Baragraf Fünfafödzich Beamtengesetz. Die Psychaderin hat lauder Dests gmacht und dann gsacht: Sie sind völlig normal. Völlig normal! Dann hams mich zur Babbo.

Babbo?

Bahnbollizei.

Ah.

Etz kann ich logger lassen. Siemadreißich Jahr! Muss nix mehr machen.

Guckt sein Bier an, trinkt aber nicht.

Ich bin scho Vierasechzich. Da kann ich logger lassen.

Ich bin 52, bis zur Rente habe ich noch 15 Jahre. Aber das werde ich nicht erleben, bin ja jetzt schon komplett weiß.

Sie wern ah amol a schlechde Zeit ghabt ham.

Ja. War sehr beschissen.

Sehn‘s.

Gesprächspause. Dann deklamiert der Runde:

„Schnaps, das war sein letztes Wodd – dann trugen ihn die Englein fodd!“ – Zu die Melodie von „Zehn kleine Necherlein“ singt mer des.

Jetzt schauen auch die Frauen vom Bäcker. Der Graue:

Schnaps? Damit habe ich längst aufgehört, sonst wäre ich schon tot.

Ich trink schon amol einen. An Kümmel. Manchmal du ich noch a weng an Wodka nei in den Kümmel. Der Kümmel ist gud, da braucht mer kan Arzt!

Ja?

Aber der löst sich nur im Algohol. Aber dann braugst kan Arzt mehr. Ka Gicht, ka Rheuma, gar nix! Des hab ich von meine Großeldern, die hadn Heilkräuder. Die ham nie an Dokter braucht, nie! Aber des had mer etz alles vergessn.

Es gibt noch das Buch von der Maria Treben mit den Kräuterrezepten.

Stimmt.

Da steht auch das Rezept für Schwedentropfen drin, die haben wir früher genommen. Gegen alles, hat immer geholfen. Dann habe ich im Internet gelesen, dass die in Wirklichkeit gegen gar nichts helfen. Und seitdem funktionierts bei mir nicht mehr.

Freili! Des Gehirn mou mitspilln, sonst gehts ned. Gsunder Geist im Körber!

Ja, sagt der Graue und sieht aufs Telefon.

Ich glaube, ich verpasse gleich den Zug.

Er steht auf und setzt die Maske auf. Der Runde:

Dann gude Fadd!

Danke. Kommen Sie gut nach Hause.

Werd scho. Ich wünsch dir a gude Zeit.

(Im Zug von Nürnberg nach Erfurt, 5. Januar 2022; Foto: Der graue Mann mit Mantel danach im Zugrestaurant)